#endof10

unplugTrump

Born on the 1st of July - Medienzentrum goes “Unabhängig”

Seit einiger Zeit schreiben wir hier in unregelmäßigen Abständen Beiträge zum Thema „Digitale Selbstständigkeit“ oder auch #digitalsovereignty.
Angefangen haben wir mit dem Hashtag #endof10, weiter ging es mit #unplugTrump und seit Anfang des Jahres sind einige Beiträge unter dem Motto “Digitale Souveränität” mit den Hashtags #didit und #dutgemacht zu finden. Außerdem arbeiten wir im Hintergrund an einer Reihe von Beiträgen mit der Überschrift “Ohne MS365 in Schule und Unterricht” und wollen uns dabei an einer Reihe von Texten orientieren, die den Eindruck vermitteln, es ginge nur mit M$. Zusätzlich bieten wir einmal im Monat unsere eigene Version des digitalen Unabhängigkeitstags an. Lehrkräfte aus dem Rhein-Main-Gebiet können mit uns gemeinsam erste Erfahrungen mit alternativen Angeboten sammeln, und die Mutigen dürfen sich ein Linux ihrer Wahl aussuchen und auf ihrer eigenen Hardware installieren.

Papier und Blogs sind geduldig, schreiben können wir viel, aber wird es denn auch funktionieren? Der Autor begegnet dieser Frage seit fast 30 Jahren.

tl;dr.

Ja, es funktioniert. Seit fast 30 Jahren. Noch nie so elegant und weich wie heute.

Die lange Antwort

Ja, es funktioniert. Auch bei uns im Medienzentrum.

Wieso können wir das behaupten?

Weil wir es selbst machen. Seit 4 Jahren arbeitet der Autor mit Linux auf seinem Dienstrechner. Ein Lenovo Yoga X13, inkl. Stiftbedienung. Es gibt berufsbedingt nur eine Ausnahme und da liegt es nicht am Betriebssystem, sondern an den Bestrebungen der Geräteanbieter, es den Tintenstrahldrucker-Abzockerfirmen gleichzutun und Nutzer_innen entweder mit dem Refill-Prinzip und proprietären „Verbrauchsmaterialien“ an den Haken zu bekommen oder sie zur Nutzung der Geräte in eine Cloud zu zwingen. Aber, noch gibt es dafür immer eine Lösung. Entweder in Software oder alternativer Hardware - wir haben für alles einen Weg gefunden. Es geht nicht darum, hochspezialisierte Software zu ersetzen. Das wird schwierig. Aber, für alle Standardaufgaben gibt es mittlerweile Standard-Open-Source-Lösungen. Der Weg in die “Unabhängigkeit” endet aber nicht mit den Anwendungen auf dem eigenen Rechner. Er geht viel weiter. Suchmaschine, Linkverwaltung, Mailprovider, Cloud. Alles das muss auf den Prüfstand.

Auch bei uns.

Und jetzt ist es so weit, wir steigen um. Ab 1. Juli dieses Jahres leben wir ohne M$ Office 365 (gekündigt), ohne Google-Kalender (ohnehin nur ein Relikt), ohne OneDrive, Outlook und den ganzen restlichen Zoo von proprietären Anwendungen.

Was genau nutzen wir denn ab dem 1. Juli?

Basierend auf den Erfahrungen der letzten 4 Jahre werden wir die folgenden Anwendungen und Anbieter nutzen: 1. Externer Server: eigene Hardware bei Hetzner 2. Cloud: selbstverwaltete Nextcloud (Hetzner) 3. Office online: selbstverwaltetes Collabora Online (Hetzner) 4. Office lokal: LibreOffice 4. Mail: mailbox.org (Heinlein Gruppe) 5. Mail-Client: Thunderbird 6. Kalender: Nextcloud (Clients: diverse, je nach Betriebssystem) 7. Team-Kollaboration: Talk (Nextcloud, browserbasiert oder App) 8. Videokonferenz: OpenTalk (mailbox.org)

Einige der selbstverwalteten Dienste stünden auch über die Groupware bei mailbox.org zur Verfügung, wir haben uns aber bewusst dafür entschieden, diese in eigener Regie zu betreiben. So können wir bei Bedarf einzelne Module austauschen, ohne wieder einen vollständigen Umzug von A nach B organisieren zu müssen.

Im nächsten Schritt sind dann die Arbeitsplätze dran. Bis auf 3 Ausnahmen läuft auf den meisten Rechnern bereits Linux Mint oder Ubuntu, unsere Schulungsrechner werden jetzt ebenfalls auf Linux umgestellt. D.h., dass in Zukunft Lehrkräfte in unseren Fortbildungen die Gelegenheit haben, Linux als alternatives Betriebssystem hautnah zu erleben. Ganz unaufgeregt, ohne Bekehrungsversuche. Ist halt so ;–)

(Der 3. Teil zum Thema Suchmaschinen & Cloud-Lösungen kommt übrigens bald. Stay tuned)

Wieso #digitalsovereignty?

Die Hashtags #unplugTrump und #endof10 markieren den Start in ein Umdenken bei der Abhängigkeit von großen US-Techkonzernen hin zu mehr digitaler Souveränität. Ursprünglich dazu gedacht, auf Veranstaltungen hinzuweisen, bei denen Menschen geholfen wird, ihre Hardware auch nach dem Supportende von Windows 10 zu nutzen, zeigt sich immer öfter ein weiterer, nicht ganz unerwünschter, Effekt: Weg von Windows heißt in diesem Fall hin zu Linux. Und damit auch z. B. weg von „liebgewonnenen“ Anwendungen wie Word, Excel oder Photoshop. Durch diesen Wechsel findet ein Umdenken statt: Viele Anwender fangen zum ersten Mal in ihrem Leben als Computernutzende an, darüber nachzudenken, was mit ihren Daten passiert und ob es zu den bisher verwendeten Programmen nicht vielleicht doch Alternativen gibt, die weniger datenhungrig sind. Seit Ende 2025 gibt es weitere Aktivitäten. Auf dem Jahreskongress des Chaos Computer Club (CCC) wurde eine spannende Aktion gestartet: der Digital Independence Day. Man kann sicher über die Namensgebung und den Domainnamen di.day streiten, aber, an jedem ersten Sonntag im Monat gibt es überall in Deutschland Angebote, in kleinen oder großen Schritten die digitale Unabhängigkeit zu starten und fortzuführen. Diese finden sich unter verschiedenen Hashtags wie #diday #didit oder auch #dutgemacht

Wer ist GAMAM (oder GAMMA oder sogar MAGAM)?

Das Akronym wird aus den Anfangsbuchstaben der 5 großen, amerikanischen Tech-Unternehmen abgeleitet: Google, Amazon, Meta, Apple und Microsoft. Diese 5 Unternehmen beherrschen als Oligopol den Weltmarkt an cloudbasierten Anwendungen. Sei es Standardanwendungen, Suche, Plattform, Hardware oder Social Media: Sie sind in mindestens einem dieser Felder aktiv. Oft sogar in mehreren und in den letzten 5 Jahren verstärkt im Bereich „Künstliche Intelligenz“ (korrekterweise sollte man von LLM [Large Language Model] sprechen, aber der Begriff “KI” hat sich rasant eingebürgert). Aus der KI-Ecke kommt dann noch eine andere Allianz dazu: MANGO (Microsoft, Anthropic, NVIDIA, Google und OpenAI) sind die Technologie- oder Marktantreiber in diesem Bereich. Hier ist eine ähnliche Entwicklung zu beobachten, auch wenn wir noch in einem frühen Stadium sind. GAMAM bearbeitet den “Markt” seit 20-30 Jahren, OpenAI und Anthropic sind deutlich jünger, können aber vom Geld ihrer Investoren – wer hätte es gedacht: Microsoft, Google, Amazon stecken ihr Geld in Anthropic und/oder OpenAI – profitieren.

Nicht erst seit der 2. Regierung Trump wird immer wieder davor gewarnt, dass viele Kernaufgaben in den europäischen Ländern nur unter Nutzung von Software aus den USA bewältigt werden. Der Hashtag #unplugTrump ist deshalb seit März 2025 immer wieder in den sozialen Medien zu finden. In Einzelfällen war in jüngster Vergangenheit schon zu sehen, was passiert, wenn US‑Unternehmen entsprechend Order ausführen: Stillstand, und zwar vollständiger. Um diese drohende Handlungsunfähigkeit zu vermeiden, ist es dringend geboten, europäische Alternativen zu suchen. Digitale Souveränität ist der Fachbegriff dafür und er soll deutlich machen, wie wichtig eine Unabhängigkeit von BigTech ist.

Erste Versuche gab es in der Vergangenheit einige. In der Regel wurden sie durch starke Lobbygruppen und persönliche Interessen torpediert und zum Scheitern gebracht. Seit ein paar Jahren gibt es aber im Open-Source-Bereich eine zunehmende “Professionalisierung”, sodass immer mehr freie Produkte entstanden sind, die durchaus dem Vergleich mit GAMAM standhalten.

Wie geht digitale Souveränität?

In einer kleinen Reihe von Beiträgen wollen wir uns anschauen, welche GAMAM-Produkte im Bildungsbereich zum Einsatz kommen und welche Alternativen es gibt.

Wir starten mit dem Betriebssystem: Auf einem Großteil der Rechner in Schulen und bei Lehrkräften läuft bzw. lief Microsoft Windows 10. Das Unternehmen macht seit Jahrzehnten geschickte Lobbyarbeit für sein Produkt und hat es mit seiner Beharrlichkeit geschafft, dass viele Mitarbeiter_innen in Ämtern und Behörden glauben, dass es ohne nicht geht.

Weiter geht es danach mit den Standardanwendungen. Dazu gehören neben einer Office-Suite auch Grafik- und Musikprogramme sowie weitere Anwendungen für den Einsatz in der Schule.

In einem dritten Beitrag betrachten wir Suchmaschinen und Cloud-Lösungen, denn auch in diesem Bereich gibt es durchaus nennenswerte Alternativen.

Zum Schluss wird es dann um Large Language Models gehen. Sie sind die “jüngsten” Anwendungen im Bildungsbereich, und auch hier, oder vor allem deswegen, ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Auch wenn die Investitionen in die US-Unternehmen durchaus beachtlich sind, scheint es eine nicht ganz uninteressante Entwicklung im Bereich europäischer Open-Source-Lösungen zu geben.

Starten wir also mit dem Betriebssystem

Teil 1: Ob es auch ohne Windows geht, fragst du?

Oder doch erst einmal etwas zurückhaltender

Teil 2: Kleine Schritte führen auch zum Ziel